
„Wenn mich in meiner Kindheit jemand gefragt hätte, was
ich werden möchte, hätte ich geantwortet: ein
Geschichtenerzähler", erinnert sich Meja Mwangi und fügt
verschmitzt lächelnd hinzu: „Aber das ist eine lange
Geschichte." Damals, in den 1950er Jahren, wusste er
noch nicht, dass es einen Beruf wie den des Schriftstellers
überhaupt gibt. Heute ist der 60-Jährige neben Ngugi wa
Thiong'o der bedeutendste kenianische Autor und ist
auch in Deutschland seit langem bekannt.
Von Friedegard Hürter
Schon mit seinem ersten veröffentlichten Roman aus dem
Jahr 1973 gelang Meja Mwangi der literarische Durchbruch.
Kill me quick, im Slang Nairobis die Bezeichnung für einen
illegal gebrannten Zuckerrohrschnaps, war der erste von
drei Romanen über das Leben in den Elendsquartieren
Nairobis. Wie kein anderer traf der Autor damit die
Atmosphäre der Bierbars und Märkte im armen, dicht
bevölkerten Osten der Stadt und wurde mit der Trilogie
auch im Ausland bekannt.
Es folgten Kurzgeschichten, Drehbücher, Romane, Krimis
und Kinderbücher - der sympathische, hoch gewachsene
Autor ist in den unterschiedlichsten Genres zu Hause. Mit
kontrastreichen Bildern und einer stark sozialkritischen
Tendenz thematisiert er vor allem die urbane Welt, die
grenzenlos wachsenden Großstädte, hinter deren
glitzernden Fassaden sich Brutalität, Hunger und Elend
verbergen. In den letzten Jahren hat er die Schauplätze
seiner Geschichten vermehrt auch wieder aufs Land
verlegt, dorthin, wo er selbst aufgewachsen ist und wo die
meisten Menschen bis heute verwurzelt sind.
Ganz neu: Big Chiefs
Anfang dieses Jahres ist Meja Mwangis elftes Buch, Big
Chiefs, in deutscher Übersetzung erschienen. Es spiegelt
seine Auseinandersetzung mit dem Genozid m Ruanda,
die er in eine Parabel gefasst hat, wider. Sie entspinnt sich
inmitten des apokalyptischen Szenarios einer Mülldeponie,
wo die Aussortierten der Gesellschaft leben.
Ein blinder Alter, der seine erbärmliche Hütte mit einem
Jungen teilt, redet und singt Tag und Nacht davon, wie
alles begann. Er war dabei, hat alles gesehen und gehört,
die Machtspiele der „Big Chiefs", von denen er selbst einer
war, das Schleifen der Macheten und das Morden, von
dem er schonungslos und bitter erzählt. Eines Nachts
verlässt der Junge die „Grube" in Richtung Stadt - ein
Aufstand ist geplant.
Meja Mwangi hat in seinem beklemmenden Roman keiner
der Personen, weder dem Alten, noch dem Jungen oder
den anderen Figuren, einen Namen gegeben. Sie sind aus
tauschbar, und die Ereignisse erscheinen erschreckend
wiederholbar in dieser Geschichte um Gier, Versagen,
Gleichgültigkeit und Feigheit, in der aber auch Mut,
Mitgefühl und Liebe aufleuchten.
Humorvoll, witzig, unterhaltsam: Das Buschbaby
Der Kontrast zu Meja Mwangis zuvor veröffentlichtem
Roman könnte kaum größer sein. In Das Buschbaby zieht
er gekonnt andere Register. Humorvoll und witzig erzählt
er eine turbulente Verwechslungsgeschichte um zwei
vertauschte Babys, von denen das eine weiß, das andere
schwarz ist.
Als das US-amerikanische Paar Rüben und Kimberley, das
buchstäblich über Nacht an ein schwarzes Baby
gekommen ist, versehentlich an einer völlig vergessenen
Grenzstation zwischen Kenia und Tansania landet, ist die
Reise vorerst beendet. Für den pflichtbewussten
Grenzbeamten Forodha, der mit seiner Frau in diesem
Niemandsland lebt, ist die Lage klar: Hier kann es sich nur
um Kindesentführung handeln, und so setzt er die
frischgebackene Familie auf unbestimmte Zeit fest.
Die wechselseitigen Vorbehalte, Klischees und
Verständigungsprobleme, die in den folgenden Wochen
entstehen, nimmt Meja Mwangi sehr genau und mit feiner
Ironie unter die Lupe. „Obwohl die beiden Männer, aber
auch die beiden Frauen, eigentlich gut miteinander
auskommen, gibt es eine Menge Missverständnisse. Ihre
Erziehung, die verschiedenen Kulturen, Denkweisen und
Erfahrungen setzen ihrer Kommunikation Grenzen. Sie
kommunizieren nicht hundertprozentig, sondern sprechen
verschiedene Sprachen, obwohl es immer Englisch ist", er
klärt der Autor. Zu einer Konfrontation lässt Mwangi die
Begegnung der Kulturen trotzdem nicht werden. Dafür
sind sein Humor, sein augenzwinkerndes Wohlwollen mit
den Schwächen seiner Personen und seine schlagfertigen
Dialoge einfach zu entwaffnend.


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Ein verschlafenes Nest an den Hängen der Aberdare-Berge im
nachkolonialen Kenia. Der neureiche Großgrundbesitzer rühmt
sich, „der Vater allen Geldes" zu sein - Baba Pesa. Brutal und
rücksichtslos hat er es verstanden, alles Land im weiten Umkreis
aufzukaufen - nur Baba Baru, sein nächster Nochbar, arm und
ganz in der alten Tradition verhaftet, wagt es, sich ihm zu
widersetzen.
Juda Pesa, der „ungeratene Sohn" von Baba Pesa, ist als
Aussteiger von der Universität ins Dorf zurückgekehrt, ist
ständig betrunken, führt philosophische Zwiegespräche mit
seinem Hund Konfuzius und hält auf dem Markt flammende
Reden an die Bauern über das Anlegen von Vorratshäusern, den
richtigen Umgang mit dem Land und den Bau von Latrinen.
In seinem Vater, der von seinem Sohn enttäuscht ist und ihn
verachtet, sieht Juda die Verkörperung dessen, was die Armut
und das Elend der einfachen Menschen ausmacht. Liebenswert
und aufrichtig erklärt sich Juda bereit, das Schulmädchen
Margaret, Tochter der Barus, zu heiraten, die von seinem Vater,
Baba Pesa, verführt wurde und ein Kind erwartet. Der Regen in
jenem Jahr bleibt zu lange aus, als jedoch trotzdem gepflügt
werden muß, liegen Pesas Traktoren still, weil es aufgrund der
Ölkrise kein Dieselöl mehr gibt. Die Barus indessen ziehen von
Hand den Pflug über ihre Felder, weil Pesa mit seinem
Kleinlaster ihren einzigen Ochsen überfahren hat. „Angezogen
von dem unerklärlichen Band, das alle Männer, die in der Erde
ihre Mutter sehen, zu Brüdern macht", holt Pesa sein
„Gottesgeschenk", den Mercedes, und hilft den Barus, ihr Land
zu pflügen... Hoffnung im Leid - in diesem mit viel Witz und
afrikanischem Humor geschriebenen Buch gelingt es Meja
Mwangi, durch sein tiefes Verständnis für das, was Menschen
motiviert, und durch die Kraft der Menschlichkeit in seinen
Charakteren, nicht Hoffnungslosigkeit angesichts der
drängenden Probleme seines Landes zu hinterlassen, sondern
neue Hoffnung zu wecken.
Jack Rivers, weltbekannter amerikanischer Popsänger und
Menschenfreund mit Helfersyndrom, hat die Rettung Afrikas auf
seine Fahnen geschrieben.
Mit einem LKW-Konvoi macht er sich daran, auf illegalem Wege
Hilfsgüter in das von einer Militärdiktatur beherrschte Land
Arakan (man assoziiert Äthiopien) zu transportieren. Der Plan
ist zum Scheitern verurteilt: Das Militärregime benutzt den
Hilfskonvoi dazu, einen Waffenhändler auffliegen zu lassen,
andere sind bestrebt,
Waffen an die Guerilla zu verkaufen. Der Konflikt dramatisiert
sich, als Jack Rivers eine Liebesbeziehung mit der
Guerillaführerin Zahai eingeht...
Meja Mwangi deckt in seinem Roman nicht nur Sinn und Unsinn
von Katastrophenhilfe auf. Äußerst spannend und karikierend
zeichnet er ein Bild des modernen Heldentums, das auf keiner
der beiden Seiten wirklich existiert.
So sind Charaktere entstanden, die sich im grausamen Umfeld
von Krieg und Gewalt zurechtfinden müssen und die
Aufmerksamkeit des Lesers bis zu ihrem letztlichen Scheitern zu
fesseln vermögen, gleichzeitig aber auch genug Raum geben,
über die Frage, wie funktionierende Hilfe für Afrika aussehen
müfite, weiter nachzudenken.
Meja Mwangi: Ein Leben voller Geschichten
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Ein Dorf in Afrika stirbt, die Seuche Aids frißt die Menschen auf.
Die von der Verwaltung beauftragte Sozialarbeiterin Janet hat
einen schweren Stand. Die »Kondomfrau« ist zuständig für
Familienplanung und Aidsprävention. Zutiefst von ihrem
Standpunkt überzeugt, kämpft sie gegen die Zustände an.
»Janet hatte eine Menge über die Männer von Crossroads zu
sagen, und sie tat dies mit soviel Zurückhaltung wie ein wildes
Buschfeuer.« Und so wird sie von den Männern ausgelacht und
gefürchtet, die Frauen sind verunsichert. Die Scbulbehörde und
der Gemeindepfarrer versagen jede Unterstützung. Zuweilen
verläßt Janet der Mut. Broker, der Mann, den sie geliebt hat, hat
sie verlassen. Der tägliche Kampf gegen die Ignoranz wird zum
Alptraum.
Doch mit der Zeit findet Janet Verbündete, und erste Erfolge
stellen sich ein. Schließlich kehrt auch Broker zurück und kämpft
auf originelle Weise um ihr Vertrauen. Ein Roman, in dem sich das
brutale Thema Aids in einer dörflichen afrikanischen Gesellschaft
ebenso darstellt wie Liebe, Zärtlichkeit und Solidarität.
Big Chiefs Peter Hammer Verlag 2008
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