Baby hätte keinen Kaffee trinken sollen. Er hatte deswegen in der Nacht das ganze Bett
naßgemacht und jetzt stand der Ge¬stank im Raum und schnürte einem die Kehle zu. Er
übertraf sogar den Geruch von Parfüm, der aus der anderen Zimmer¬ecke herüberkam, wo
das Bett seiner Mutter stand. Hier lag Ben und, in seine Arme gekuschelt, die Mutter des
Jungen. Sie fühlte sich warm und weich an und sie schlief noch. Nur Ben schlief nicht mehr.
Er war hellwach. Der scharfe Uringestank des Kindes hatte ihn geweckt und das früher als
gewöhnlich. Vorsichtig löste er sich von der Frau, wälzte sich auf die an¬dere Seite und
langte zum Nachttisch hinüber. Er brauchte jetzt eine Zigarette. Vielleicht half das gegen den
beißenden Geruch, der von Babys Bett herüberkam. Die Schachtel war leer. Er nahm eine
Kippe aus dem Aschenbecher und steckte sie sich an. Und dann lag er da, in der frühen
Morgendäm¬merung, und rauchte. Neben ihm atmete Wini ruhig und tief. Sie war nackt, und
er konnte ihren ganzen Körper spüren. Ihre Hand ruhte auf seinem behaarten
Oberschenkel. Sie würde bald aufwachen und ihm Frühstück machen. Er weckte sie nicht
auf. Sie hatte ihre eigene innere Uhr. Zuerst würde sie sich wie immer ein paar Mal
hinundher wälzen, dann würde sie die Augen aufschlagen und sich wieder einmal über die
viel zu kurze Nacht beklagen. Und in einer halben Stunde würde er schon auf dem Weg zur
Arbeit sein. Nebenan fing Max’ Musikanlage zu dröhnen an. Ben fluchte. Schliefen die
Scheißkerle denn niemals. Bis nach Mitternacht waren sie immer unterwegs und um sechs
Uhr schon wieder auf den Beinen. Und die ganze Zeit taten sie nichts anderes, als Bhang
rauchen oder Changaa trinken oder einem auf die Nerven gehen.
Es gab die unterschiedlichsten Leute in der Nachbarschaft. Da war die kinderlose, alte
Straßenhändlerin, die vom Ge¬müseverkauf lebte. Da waren die beiden Männer, die
Küchenabfälle einsammelten, da war der Automechaniker von der Grogan Road, der
schwor, kein Dieb zu sein, und da waren die drei pensionierten Nutten, die sich darauf
be¬schränkten, gelegentlich ihre besonderen Pflichten gegenüber dem Hausbesitzer oder
sonst jemandem zu erfüllen. Dawaren zwei Büroangestellte mit ihren Botenjungen und
Fami¬lien. Da war der Polizist und der Flickschuster ohne Lizenz. Beide konnten sich
tagsüber, während der Arbeit nicht rie¬chen, aus beruflichen Gründen, nachts waren sie die
besten Nachbarn. Und dann war da Max und seine Bande im Zim¬mer nebenan. Die
angemessene Berufsbezeichnung für dieses Pack war Krawallbrüder. Ben haßte sie. Aber
noch weniger als Max und seine Jungens konnte er ihre abscheuliche Musikanlage
ausstehen. Man hatte das Gefühl, als wenn je¬mand sie irgendwann einmal auf volle
Lautstärke gedreht und dann den Knopf verloren hätte.
Er langte zum Tisch hinüber und schaltete das Kofferradio ein. Ein eingeübter Reflex, der
hoffnungslose und verzwei¬felte Versuch, sich gegen Max’ Überfälle auf Ruhe und Frie¬den
zu wehren. Sein Kofferradio, ein Revolver und ein Kof¬fer voller Plunder waren sein ganzer
Besitz, das einzige Ver¬mögen, das er aus seiner Bude in der Grogan Road
herüber¬gerettet hatte. Alles übrige hatte der Hausbesitzer einbehalten als Ausgleich für
zwei Monatsmieten, die er ihm noch schul¬dete.
Ben wurde jedesmal schlecht, wenn er daran dachte. Er hatte tagelang hungern müssen,
nachdem er seinen Job los war, er hatte sich nächtelang hoffnungslos besoffen und war
immer wieder untergetaucht, wenn der Hausbesitzer die Miete kas¬sieren wollte. Die
Verabredungen mit Wini waren die miese¬sten Momente seines Lebens. Sie hatten sich in
einem Cafe in der Stadt getroffen, einen Espresso getrunken und versucht, so zu tun, als ob
nichts wäre. Ihre Gesprächsthemen waren belanglos, sie wollten einfach nur die Zeit
totschlagen. Nie sprachen sie darüber, wie sinnlos es war, daß er weiter nach Arbeit suchte.
Manchmal hatten sie Bier getrunken... Manchmal lud sie ihn ins Kino ein, und es gab Zeiten,
wo sie ihn mühelos dazu brachte, von ihr Taschengeld anzunehmen. Immer, wenn das
passiert war, war er in die Capricorn-Bar gegangen und hatte sich mit Karara vollaufen
lassen.
Wini regte sich und gab unverständliche Laute von sich. Er ließ sie für einige Augenblicke in
Frieden, damit sie ihre ver¬träumten Gedanken ordnen konnte. Wini stützte sich auf ei¬nen
Ellenbogen und rieb sich verschlafen die Augen.
»Guten Morgen«, sagte sie. Sie räusperte sich.
»Wie spät ist es?«, fragte sie.
»Nicht zu spät für Max und seine Typen, uns die Ohren voll¬zudröhnen.«
Wini seufzte und kratzte sich energisch den mit Zöpfen be¬deckten Kopf.
»Und auch schon fast Zeit für mein Frühstück.« sagte Ben. Baby war inzwischen in der
anderen Ecke aufgewacht. Er ex¬plodierte in einem Hustenanfall. Seine kleine Brust schien
zu platzen, so würgte und keuchte er. Ben verzog das Gesicht. Wenn das Kind nicht gerade
mit Husten beschäftigt war, dann hatte es was anderes, Fieber, Durchfall oder sonstwas.
Irgendetwas war es immer. Baby unternahm nie ernsthaft den Versuch, einmal nicht krank
zu sein. Im Gegenteil — er hatte in allem, was er tat, große Ausdauer, auch im Kranksein.
Ben spürte diesen Husten förmlich in den Ohren. Der Krach kitzelte seine Kehle. Er hatte
das Gefühl, auch husten zu müs¬sen. Aber er verlor kein Wort über das übertriebene
Gurgeln und Gekrächze und auch nicht über Winis offensichtliche Gleichgültigkeit darüber.
So schwer es auch fiel, langsam hatte er doch gelernt, sich nicht in Sachen einzumischen,
die ihn nichts angingen. Wini kletterte über ihn hinweg und stieg aus dem Bett. Sie schlüpfte
in den Slip, tappte an die Tür und knipste das Licht an. Dann ging sie zum Fenster und
öffnete es. Ein kühler Luftzug wehte herein, blies die dürftige Gar¬dine zur Seite und suchte
sich unerschrocken einen Weg in die abgestandene Wärme des Zimmers, ließ sich
selbstgefällig an den schmuddeligen Wänden nieder und machte es sich in dem trüben Licht
der Glühbirne bequem. Wini reckte sich und gähnte. Ihr nackter Körper zeichnete sich
deutlich gegen das Morgenlicht ab und zeigte seine ganze Üppigkeit und Schön¬heit. Ben
wurde es ganz warm ums Herz. Die ganze Schön¬heit des Morgens, all ihre Süße gehörte
ihm. Er mußte sie nur festhalten.
Baby wimmerte und hustete und fing zu weinen an. Die junge Mutter ging zu ihm herüber.
Gelassen beugte sie sich über ihn. Wie zwei reife Papayas hingen ihre Brüste über dem
Jun¬gen, ihr Hintern war straff gespannt, fast wie bei einem Sportler, Sie fühlte seine Stirn
und versuchte ihn flüsternd zu beruhigen. Der Junge schrie wie am Spieß. Die harte
Brot¬kruste, die er jeden Morgen bekam, interessierte ihn nicht. Um das Maß vollzumachen,
trat er gegen die Tasse kalte Milch, die ihm angeboten wurde, und die Milch sickerte
lang¬sam in das urindurchtränkte Bett.
»Der Junge ist krank«, sagte sie und nahm die leere Tasse. Ben biß die Zähne zusammen
und zwang sich ruhig zu blei¬ben. Die Schreierei ging ihm auf die Nerven und die
Tat¬sache, daß Wini sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, machte ihn ganz verrückt.
»Was soll ich mit ihm machen?«, fragte sie.
»Sieh zu, daß er mit dem Schreien aufhört. Er ist ja schlim¬mer als Max’ Schallplatten.«
»Aber wie?«
»Stopf ihm doch deine Füße ins Maul« schrie er. Sie sah ihn an, und mit einer noch viel
aufreizenderen Gelassenheit in ei¬nem sehr nüchternen Ton sagte sie »Männer sind
Arsch¬löcher!«
Sie zog sich ruhig und mürrisch an. Die morgentliche Routine lief mit der gewohnten
Pünktlichkeit ab. Sie machte den ver¬rosteten Paraffin-Ofen an und bereitete den Kaffee zu.
Baby schrie sich in den Schlaf. Wini war eine starke Frau, das mußte Ben zugeben. Wie sie
es fertigbrachte, die ohrenbetäu¬benden Schreie zu ignorieren! Es mußte ein Trick dabei
sein, den er gern lernen würde. Er war schon so weit, daß er jedes-mal, wenn der Junge
den Mund nur zum gähnen aufmachte, seine Ohren auf das Schlimmste vorbereitete. Wini
behaupte¬te, ein bißchen Schreien hätte noch keinem Kind geschadet. Das fand Ben auch.
Es hatte noch keinem Kind geschadet, solange man dem brennenden Wunsch widerstehen
konnte, es gegen die nächste Wand zu klatschen.
Er kletterte aus dem Bett, griff nach einem Handtuch und wickelte es sich um die Hüften. Er
nahm ein großes Stück Lux-Seife und ging hinaus. Die meisten Nachbarn schliefen noch.
Der Hof war kalt und leer, voller leblosem Leben und einer Katze. Ein kaputtes Kinderdreirad
lag umgekippt und räderlos da. Der umgekippte Abfalleimer lag mitten in sei¬ nem
verstreuten Inhalt. Eine graue Katze stöberte darin nach Eßbarem. Ein auf die Seite
gefallener Stuhl protestierte mit seinem einzig übriggebliebenen Bein in Richtung Himmel.
Der ganze Hof lag voll von kaputten Sachen, hunderten von Bierflaschen-Deckeln und
einem alten Schuh. Der Himmel war stark bewölkt, so daß alles in gräulichem Licht lag. An
einem Morgen wie diesem beneidete Ben immer diejenigen, die keinen Job hatten, die
weder die eiskalte Dusche kannten noch die anderen Schicksalsschläge eines Julimorgens.
Der gemeinschaftliche Duschraum war dunkel und kalt und roch abgestanden wie immer.
Der Boden war übersät mit kaputten Seifenstücken, Scheuerlappen, Steinen,
Zigarettenkippen und sonstigem Dreck. Glitschig-grüner Schwamm wuchs an den äußeren
Rändern des Bodens und kroch an manchen Stellen die Wände hoch. Am Nagel, hinter der
Tür, hing eine blutbefleckte Frauenunterhose. Die schummrige 25-Watt- Birne warf ein
bleiches Licht auf die bröckelnden Wände. Ein seltsam aussehender Fleck an der Wand, wo
sich die Farbe schon gelöst hatte, glich dem nackten Hintern einer gebück¬ten Frau. Wie
Wini, wenn sie sich über Babys Kinderbett beugt. Ben konnte sich nicht erinnern, wann ihm
dieser geist¬reiche Vergleich zum ersten Mal gekommen war. Während er darüber
nachdachte, vergaß er, wie eiskalt die Dusche war. Er beeilte sich, trocknete sich ab und
verließ fröstelnd den Duschraum.
Der Hof war immer noch leer. Die graue Katze machte einen Satz aus der Mülltonne und
kletterte mit einer fetten Ratte im Maul über die nächste Mauer. Ein Weißer tauchte in Max’
Tür auf, und einer von Max’ Typen brachte ihn über den Hof zum Vordereingang.
Wieder im Zimmer, suchte Ben verzweifelt nach dem Holz¬kamm. Eine Zeitlang sah Wini
seinem erfolglosen Unterneh¬men zu, dann sagte sie wie selbstverständlich:         »Unter
Babys Bett.« Sie sagte es, als wenn das für einen Kamm der natür¬lichste Platz der Welt
wäre.
»Was zum Teufel macht der da?«
»Weiß ich auch nicht. Ich habe ihn da nur liegen gesehen.« Ben unterdrückte ein Fluchen,
fand den Kamm und stürzte wieder nach draußen. Zementstaub schien unfruchtbar zu
machen. Eigentlich konnte er sich das Kämmen sparen. Frü¬her oder später würde er sein
Haar doch verlieren. Yussuf, der Vorarbeiter, war schon fast kahl, und den anderen würde
es bald auch so gehen. Am Vordereingang wurde ein Wagen angelassen. Der Typ von Max
kam zurück. Er pfiff vor sich hin und strich dabei liebevoll über ein Bündel Geldscheine. In
seinem Gesicht stand das Grinsen eines gerissenen Geschäfts¬mannes, der gerade ein
gutes Geschäft gemacht hat.
»Tag Ben.«
»Hallo.«
So läuft das also, dachte Ben. Gibt man ihnen einmal eins aufs Maul, und schon
respektieren sie einen. Das Kämmen war wirklich sinnlos, er gab es auf und ging ins Zimmer
zu¬rück. Bis er sich angezogen hatte, hatte Wini auch Kaffee und Brot fertig. Während er
frühstückte, ging sie duschen und zog sich für die Arbeit an. Als er aufstand und gehen
mußte, setzte sie sich hin und frühstückte. Sie hatte es nicht nötig, sich zu beeilen. Als
Sekretärin mußte sie erst um viertel nach acht im Büro sein. Dieser Scheißer Johnny, ihr
Boß, holte sie jeden Morgen mit dem Auto ab. Ben war dagegen, daß seine Frau von einem
fremden Weißen mitgenommen wurde, und einmal hatte er ihr das auch gesagt, aber er war
mit seinem Protest nicht weit gekommen. Wini war wütend geworden. Sie hatte erklärt, daß
Johnny für sie nicht so fremd wäre, wie er annehmen würde, und ihn schließlich daran
erinnerte in wessen Wohnung er lebte. Die Anspielung war deutlich. Ben war ein geschätzter
Gast, ein privilegierter Flüchtling. Sie hat¬ten sich danach wieder versöhnt und sich
gegenseitig ent¬schuldigt. Von da ab wußte Ben, was von ihm erwartet wurde.
Es war ein verdammt mieser Tag. An solchen Tagen sollte man lieber den Bus in die Stadt
nehmen. Aber dazu brauchte man Geld und das war knapp um die Monatsmitte.
Abgese¬hen davon war es garnicht so weit, besonders dann nicht, wenn man keine andere
Wahl hatte.
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Ben schlägt sich auf
der Baustelle als
Hilfsarbeiter durch
und kümmert sich um
Winis Sohn Baby.
Wini
verdient ihr Geld als Schreibkraft
- und zwischendurch auch in
den Bars. Sie lieben sich heiß,
aber wer in der River Road
keinen kühlen Kopf behält, geht
unter. Vielleicht, denkt sich Wini,
ist es doch besser, mit dem
weißen Chef durchzubrennen?


Dieser Roman ist turbulent und
hart wie die glitzernde Metropole,
wo Wolkenkratzer und
Wellblechhütten dicht
beieinanderliegen, wo das Ideine
Glück im Überlebenskampf nicht
länger anhält als ein Glas Bier.

»Dieser Roman ist reich an
Farbe, Realismus und Witz.
Kaum einer der Stadt-Romane
der neuen Literatur Afrikas
reicht an ihn heran.«
Frankfurter Rundschau

Die deutsche Erstausgabe
erschien im Peter Hammer
Verlag, Wuppertal.

Unionsverlag Taschenbuch
Nairobi, River Road
288 pgs
Nairobi, River Road
HM Books cover of Nairobi River Road by Meja Mwangi
Dieser Roman ist
turbulent und hart wie
die
Glück im Überlebenskampf
nicht länger anhält als ein Glas
Bier.

»Dieser Roman ist reich an Farbe,
Realismus und Witz.
Kaum einer der Stadt-Romane der
neuen Literatur
Afrikas reicht an ihn heran.«
Frankfurter Rundschau

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